Kinder wünschen sich ihn zum besten Freund, Militärchefs bürden ihm Geheimdienste auf. Nur Wissenschaftler schütteln neuerdings den Kopf über seine Intelligenz. Ist er nun blöd geworden, der Delphin?
| Millionen von Kindern schwärmen von Delphinen. Die Welle der Begeisterung löste ein gewisser Flippy aus, den der deutsche Tiertrainer Adolf Frohn 1951 zum Star machte: Er brachte ihm im Ozeanarium Marineland (Florida) bei, durch einen papierbespannten Reifen zu springen, Bälle in der Luft aufzufangen, zurückzubringen und ein Glockenseil zu ziehen, bis es bimmelte. Diese Kunststücke bescherten Trainer und Tier eine der weltweit erfolgreichsten Fernsehkarrieren; deutsche Kinder lernten den Meeresartisten als Flipper kennen und lieben. Seine Nachfolger haben heute begeisterte Zuschauer, weil sie auf Fingerschnipp unterhaltsame Aufgaben wie im Flug lösen. Oder sie therapieren behinderte Kinder, denen beim Berühren und Streicheln der zartglitschigen Freunde ganz wohl wird. Die Tiere lächeln dabei immer. Sie können nicht anders, denn das ewige Grinsen ist ihnen ins Gesicht geschrieben, die freundlichen Mundwinkel sind angeboren. Diese wunderbare MenschTier-Beziehung ist nicht neu. Schon die alten Griechen glaubten, daß Delphine Menschen lieben. Delphine durften nicht getötet werden, weil sie Menschen vor dem Ertrinken retteten. Warum sie dies tun, fanden Seeleute und Meeresbiologen erst viel später heraus: Sie beobachteten, wie zwei Delphine einen verletzten Artgenossen eng in die Mitte nahmen und seine Nasenöffnung über Wasser hielten. Diese Rettungstechnik wenden sie wie selbstverständlich auch bei hilflos rudernden Menschen an. Ihnen zu Ehren tauften die Griechen ihr Orakel (ein Tempel, in dem die Zukunft gedeutet wurde) Delphi. Die Griechen erfanden auch das Belohnungssystem, nach dem heute alle Tiertrainer arbeiten: Erst schwammen Delphine mit den Booten um die Wette und schlugen Kapriolen vor Vergnügen, wie sie das unter sich auch tun. Die Fischer belohnten dieses Spektakel und warfen den Delphinen einige Fische zu. Das fliegende Futter gefiel ihnen, die Jagdspiele auf See wurden für beide Seiten zur angenehmen Gewohnheit. Vor allem aber trieben die Delphine den Fischern Fische zu, da fiel immer was für sie ab. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit nutzten Jahrhunderte später auch militärische und zivile Tierforscher. |
Sergej Antonov, ehemaliger Delphin-Ausbilder der sowjetischen Marine, befestigt an"Diana" einen Sender. |
Dressiert zum Töten
US-Navy-Ausbilder waren im Vietnamkrieg die ersten, die Delphine zu unfreiwilligen Kämpfern umfunktionierten. Delphine stupsen gern ihre Beute normalerweise sind das Fische. Dieses Fangverhalten polten die Ausbilder um und dressierten die Tiere, Taucher zu rammen, als wären sie Fische. Bevor ein Delphin auf Gegner losgelassen wurde, befestigten die Trainer Sprengladungen an seinem Körper. Beim Stupsen explodierten Delphin und Feind. Auf diese Weise töteten die Wasserbewohner ohne böse Absicht 60 Kampftaucher des Vietcongs. Die Sowjets zogen ein paar Jahre später nach und bildeten auf der Krim 100 Delphine (Große Tümmler), 34 Seelöwen und einige Belugas (Weißwale) zu Froschmänner-Killern aus. Mit einer kräftigen Injektionsnadel an der Schnauze stupsten die Delphine feindliche Froschmänner an und jagten ihnen dabei tödliches Gift in den Körper. Sie vertrauten ihren Trainern, denn nach jedem Auftrag bekamen sie ihren Sold, in Form von schmackhaften Fischen. Beim Beutefangen machten die Delphine keinen Unterschied zwischen Mensch oder Maschine. Ahnungslos versenkten sie auch feindliche Schiffe , mit den Sprengstoffen, die an ihren Leibern klebten. |
In gerader Richtung hört der Delphin am besten. Er braucht dafür keinen hohen Schalldruck, weil er ihn über ein Beutelsystem selbst erhöht. So kann er auch in seitliche Winkel lauschen. Die Linien zeigen die Entfernungen, in denen 3 seiner vielen Richtfrequenzen wirksam werden. |
Echo-Genies
Die Meeressäuger reagieren auf die allerkleinsten Bewegungen und Geräusche ihrer natürlichen Beute, Fischen aller Art. Tiertrainer und Biologen werteten dieses Talent aus: Delphine tauchen auch mit umgeschnallten Geräten (Meldern, Kameras, Attrappen) schneller und tiefer als Menschen und finden jedes verborgene Objekt auf dem Meeresgrund. Die militärischen Tiertrainer nutzten hierfür den hochempfindlichen Spürsinn der Delphine aus, ihren Sonar .Ursprünglich stammt der Begriff aus der Technik (sound navigation and ranging) und heißt soviel wie Hör-, Ortungs- und Entfernungsmessung. Der Mensch mußte erst Sonargeräte erfinden, die ihm solche Messungen erlauben. Delphinen und anderen Waltieren dagegen sind sie als Sinnesorgane angeboren. Sie können mit ihnen Unterwasserobjekte akustisch anpeilen und orten. Wie Fledermäuse erzeugen Waltiere eine Vielzahl von Lauten, die über den menschlichen Hörbereich weit hinausgehen. Über einen Auspuff auf dem Kopf (Blasloch) bringen sie Ultraschallgeräusche hervor, die als Echo wieder an ihr hervorragendes Gehör zurückschwingen. An der Zeit, die das Geräusch vom Blasloch bis zurück zum Gehör benötigt, erkennen sie die Entfernung zum angepeilten Objekt. Das komplizierte Sonarsystem ist ein umfangreiches Schallnetz. Delphine sprechen mit ihrem Blasloch im Zeitraffer. Menschen können diese Schnellsprache bisher nur mit Entzerrungsgeräten verstehen, die Forscher hoffen jedoch, daß sie sich bald auf direktem Weg mit ihnen verständigen können. |
Eine Gruppe Großer Tümmler stöbert im Korallenriff nach Beute |
Wer ist hier der Dumme?
Delphine gehören heute zu den besterforschten Tierarten. Sie haben im Vergleich zu anderen Lebewesen sehr große Gehirne. Diese Erkenntnis verführte Wissenschaftler lange Zeit dazu, Delphine zu den intelligentesten Tieren zu zählen. Also wollte man herausfinden, warum sie so gescheit sind. Biopsychologen und Verhaltensforscher entwickelten für sie eigene Intelligenztests, doch die sind unbrauchbar. Denn Intelligenz ist schlüpfrig wie Seife. Letztlich ist sie das Ergebnis vieler Fähigkeiten, die sich aus Veranlagung und Lernen zusammensetzen. Der Vererbungsforscher Wilhelm Wegner von der Tierärztlichen Hochschule Hannover vermutet ein Verhältnis von einem Viertel Veranlagung zu drei Vierteln Lernen. Menschen und Tiere können durch Lernen und Erfahrung ihren angeborenen Leistungsvorrat deutlich erhöhen. Auch die Gedächtnisleistung beeinflußt die Intelligenz. Doch die ist unter den Tieren nicht vergleichbar, denn ihre Lebensräume, das Nahrungsangebot und das Sozialverhalten (im Rudel oder als Einzelgänger) sind viel zu unterschiedlich. Keiner kann behaupten, daß Affen, Elefanten, Kolkraben, Hunde oder Katzen dümmer wären als Delphine. Ameisen wären nach unseren Intelligenztests geradezu stockdumm, dennoch werden sie zu den letzten Überlebenden auf der Erde gehören. Mit Intelligenztests läßt sich bestimmen, ob ein Lebewesen über Fähigkeiten verfügt, die zur Lösung verschiedener Aufgaben führen. Der Guru der Intelligenztests, der Psychologe Howard Gardner von der US-Elite-Universität Harvard, bürstete jedoch sein eigenes Arbeitsgebiet ab: Solche Tests sagen eher etwas über den Tester aus als über den Getesteten. Sie erfassen nur einen beschränkten Bereich der Intelligenz. Trotzdem, alle möglichen Tierarten werden immer wieder mit ihnen konfrontiert, Hitlisten der Klügsten werden erstellt und bald wieder verworfen. Mal steht der Schimpanse ganz oben, dann wieder ein Papagei oder Rabe. |
Waltiere verständigen sich mit innerfamilierem Dialekt, wie hier die Fleckendelphine |
Kein Interesse
Immer vorne dabei ist der Delphin. Doch sein famoses Bewegungsvermögen in natürlichem Umfeld oder seine Lernstärke, figürliche Objekte aufzuspüren, passen gar nicht so recht zu den allerneusten Erkenntnissen, die der Biopsychologe Onur Güntürkün im Informationsmagazin der Ruhr-Universität Bochum Rubin veröffentlichte. Er fand heraus, daß dem großen, stark gefurchten Delphingehirn bestimmte Nervenzellen fehlen, die das Erkennen gegenstandsloser Symbole ermöglichen. Im Verhältnis zur Größe hat das Delphinhirn weniger Nervenzellen als das einer Ratte . Güntürkün hat sich daraufhin mit dem Zoologen Lorenzo von Fersen (Tiergarten Nürnberg) zusammengetan, um herauszufinden, ob es Delphinen vielleicht doch an spezieller Intelligenz mangelt. Ihr Testlabor war das argentinische Delphinarium Mundo Marino, die Heimat von Gordo, einem Großen Tümmler. Lorenzo von Fersen wollte wissen, ob der Tümmler abstrakte Konzepte erwerben kann. Gordo sollte grafische Symbole wie Dreiecke, Vierecke oder Ellipsen erkennen und durch Flossenbewegungen anzeigen, daß er die für ihn sinnlosen Grafiken voneinander trennen kann. Motiviert wurde er nach dem Belohnungsprinzip: Fisch gabs für alles, was drei Ecken hatte. Einmal bekam Gordo Tafeln gezeigt, auf denen verschiedene Dreiecke aufgemalt waren. Und dann Tafeln mit Ellipsen und Vierecken. Mit all dem tat sich Gordo auch nach viermonatigem Training schwer. Er machte das nicht besser, aber auch nicht schlechter als zuvor Tauben und Ratten. Was sagt dieser Test über die Intelligenz von Delphinen aus? Nicht viel. Delphine haben das Auswählen von Dreiecken und Quadraten so nötig wie der Fisch ein Fahrrad. Hier wurde nur eine spezielle Befähigung geprüft, die er zum Überleben nicht braucht. Seine hohe praktische Intelligenz ist dennoch erwiesen: Seit Jahrtausenden passen sich Delphine hervorragend an ihren Lebensraum an. |
Urtümlicher Langschnabeldelphin |
Das Großhirn schrumpft
Forscher glaubten lange, daß Lernleistung auch von der schieren Größe des Gehirns abhänge, nach der Formel: je größer, desto intelligenter. Und Delphine haben eine große Hirnmasse, die vor allem aus drei Nervenstrukturen zustandekommt: Die erste (im Mittelhirn) steuert das Gehör, die beiden anderen (im Kleinhirn und in der Großhirnrinde) die Bewegungen. Doch in der jahrtausendelangen Entwicklung der Waltiere veränderte sich einiges, auch innerhalb des Hirns. Einzelne Systeme vergrößerten sich, nicht aber die Großhirnrinde die wurde kleiner. Für Güntürkün gibt es momentan keine schlüssige Erklärung dafür, warum Wale ausgerechnet ihren Kortex im Verlauf ihrer Evolution so radikal reduzierten. Nach vielen entnervenden Untersuchungen und fragwürdigen Intelligenztests steht eines fest: Delphine haben viel Hirn, aber in manchen Hirnregionen wenig graue Nervenzellen. Die Intelligenzforschung weiß aber auch, daß es immer darauf ankommt, was ein Wesen aus seinen grauen Zellen macht. Delphine bewiesen in unzähligen Versuchen, daß sie zu den lernfreudigsten Tieren gehören. Zur Freude vieler Menschen. |
Akrobatik im Delphinarium Marineland (Florida) |
Kleine Delphinkunde
Die 40 Delphin-Arten gehören zur Säugetier-Ordnung der Wale, Unterordnung Zahnwale. Es sind weltweit verbreitete Fischfresser. Zur Überfamilie der Delphinartigen zählen Schweinswale (oder Kleiner Tümmler), urtümliche Langschnabeldelphine und die höher entwickelten echten Delphine. Die echten sind die artenreichste Walfamilie und werden zwischen 1 und 9 Metern lang. Der gern in Delphinarien gehaltene, daher bekannteste, ist der Große Tümmler. In Freiheit tummelt er sich vornehmlich an der amerikanischen Ostküste und kann zwischen 1,80 und 3,60 Meter lang werden und 150 bis 200 Kilo wiegen. Der Kleine Tümmler taucht meist an europäischen Küsten auf. Wie der verwandte Weißwal (Beluga) verirrt er sich gelegentlich in Zuflüssen. |